Allein unter Freunden
|
|
Von
den 30 Millionen deutschen Internetnutzern sind rund eine Millionen
online-s¨¹chtig. Die verschiedenen Formen der Internet-Sucht haben eines
gemeinsam: die Abnablung von der realen Umgebung.
"Es lässt sich ganz schwierig festmachen, ab wann eine Person
online-s¨¹chtig ist. Die Online-Sucht ist noch nicht fest definiert",
erklärt Vorstandsvorsitzender Rainer Gölz von mediarisk
international e.V.. Der Verein hilft Online-S¨¹chtigen und ihren
Angehörigen und leistet öffentliche Aufklärungsarbeit. Personen
sind stark Online-Sucht gefährdet, wenn sie reale Beziehungen
aufgeben, Alltagsarbeiten vernachlässigen und ein
virtuelles Umfeld bevorzugen. Gölz stellt das Beispiel einer 19-jährigen vor: Diese kapselte sich total von ihrer realen Umwelt ab und verbrachte den ganzen Tag vor dem Computer. Ihre Mutter ergriff Initiative und wandte sich an den Verein. Mutter und Tochter erhalten nun qualifizierte Unterst¨¹tzung bei der Bekämpfung der Sucht. "Die Sucht verbreitet sich unheimlich schnell. Weltweit gibt es das Problem - es ist kein deutsches oder amerikanisches Phänomen". Gölz beschreibt die Online-Sucht als "Flucht aus der realen Welt". Die Gr¨¹nde f¨¹r den Eintritt in eine zweite, virtuelle Welt sind individuell verschieden. Ein Blick in sogenannte "Outing-Mails" liefert Anhaltspunkte: In den Bekenntnis-Nachrichten schreiben Betroffene, aber auch Angehörige ¨¹ber ihre Erfahrungen. In eine andere Rolle schl¨¹pfen und nicht äußerlich bewertet werden sind die häufigsten Gr¨¹nde von Chat-S¨¹chtigen. ¡¡ Formen der Internet-Sucht
Ebenso verschieden wie die Gr¨¹nde, sind auch die Formen der Internet-Abhängigkeit:
krankhaft Porno-Bilder aus dem Netz ziehen, tagelang Computerspiele zocken,
Probleme in Chatrooms diskutieren oder zwanghaft Gegenstände
ersteigern. Bei letzterem ist es gleichg¨¹ltig, ob die gekauften Sachen gebraucht
werden oder nicht.
"Online-Sucht ist von der deutschen Schulmedizin noch nicht anerkannt
- obwohl Matthias Jerusalem und sein Team von der Berliner Humboldt-Universität
die Sucht nachgewiesen haben", sagt Vereinssprecher Gölz.
Professor Jerusalem am Lehrstuhl f¨¹r Pädagogische Psychologie und
Gesundheitspsychologie wertete eine repräsentative Online-Umfrage mit
¨¹ber 10.000 Teilnehmern aus. Die Ergebnisse zeigen, dass besonders
junge Männer unter 20 Jahren und Singles anfällig f¨¹r die
Online-Sucht sind. Jerusalem erklärt das Ergebnis in einem Interview der Strathmann AG: "Gerade die allein Lebenden versuchen im Internet Kontakte zu kn¨¹pfen - schließlich gibt es dort unzählige Kontaktbörsen und Chatforen." ¡¡ Späte Einsicht
Seit 1996 ist Gabriele Farke Internetsucht-Expertin. Die ehemals Online-S¨¹chtige
spricht heute nur ungern ¨¹ber ihre eigene Geschichte. Als Leiterin
der ersten deutschen Selbsthilfegruppe f¨¹r Online-S¨¹chtige berät
sie Betroffene und Angehörige. "Der Reiz ständig online zu
sein, liegt völlig im Unterbewusstsein der User. Sie leben in einer
Traumwelt und haben das Gef¨¹hl jederzeit ¨¹ber ihre Probleme und W¨¹nsche
sprechen zu können." Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie
sich die Internet-Abhängigen vom Alltag distanzieren und in eine
Isolation eintauchen: keine Zeit f¨¹r Freunde, Hobbies oder alltägliche
Hausarbeiten. "Man bemerkt seine Situation gar nicht. Man denkt, dass
unheimlich viele Freunde im Umkreis sind." Diese Freunde sind
allerdings nicht körperlich anwesend. Man kann sie nicht sehen, nur durch
Schrifttext mit ihnen sprechen. Gabriele Farke schätzt ein, an welchem Punkt die meisten Abhängigen ihre Situation realisieren: "Der S¨¹chtige wird erst wach, wenn starke Konsequenzen auftreten. Ein Schl¨¹sselerlebnis zum Beispiel, wie den Verlust des Partners." Meist ist nach diesem Schl¨¹sselerlebnis die Beziehung zum Lebenspartner oder auch die Eltern-Kind-Beziehung dauerhaft geschädigt. "Der Kampf gegen die Sucht muss im Kopf der Betroffenen beginnen." Die Internetsucht-Expertin stellt gemeinsam mit den Internet-Usern einen Plan auf. Ziel ist, wieder einen vern¨¹nftigen Umgang mit dem Internet zu lernen. Viele Patienten können durch Selbstheilung ihren normalen Alltag wieder gewinnen. Dabei reduzieren sie langsam, aber bewusst ihre Internet-Sitzungen. Bei schwerer Sucht hilft eine Therapie beim Psychologen oder Psychiater. Doch nur ein sehr geringer Prozentsatz der Therapien von der Krankenkasse bezahlt wird.
Rat f¨¹r Angehörige
Internetsucht-Expertin Farke gibt Tipps, wie sich Angehörige
verhalten sollen: "Oft hilft es, wenn man bewusst ¨¹ber den
Internetumgang redet: Was wird im Netz gesucht, warum werden Probleme
nicht mit Angehörigen besprochen." Die betroffene Person sollte
verstärkt ins Familienleben eingegliedert werden. Gemeinsames Essen
am Tisch, anstatt Essen neben dem Computer. "Angehörige machen
sich oft unbewusst zu Co-Abhängigen." Wie schädlich dieses
Verhalten ist, wird erst zu spät erkannt. Miriam
Beiseler http://www.dw-world.de
|