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Die Opec kann die Märkte zwar kurzfristig beruhigen, den Öl-Preisanstieg aber nicht aufhalten
Wien - Die Märkte beruhigen, den Ölpreis dämpfen,
der Hysterie begegnen: Schon vor der heute beginnenden Konferenz der Erdöl
exportierenden Staaten (Opec) in Beirut müht sich das Kartell um
Entwarnung. Die Fördermenge dürfte um etwa zwei Mio. Barrel pro Tag
ausgeweitet werden. Ali Al-Naimi, Ölminister des wichtigsten
Opec-Landes Saudi Arabien, kündigt seit Wochen an, dass sein Land die Förderquoten
anheben will. Auf diesen Kurs dürften auch seine neun Kollegen
einschwenken. Aber der Ölpreisanstieg wird sich dadurch nur
kurzfristig bremsen lassen.
Das Ölkartell hat ohnehin kaum noch Möglichkeiten, den Preis
nachhaltig zu senken. Saudi Arabiens Ölminister räumte ein, dass
die meisten bestimmenden Faktoren nicht unter Kontrolle der Opec lägen.
Tatsächlich liegt die Ölförderung der zehn Opec-Staaten
schon jetzt bei 25,5 Mio. Fass pro Tag. Eine Anhebung der Förderquote
um bis zu zwei Mio. Fass pro Tag würde daher wohl nur auf eine nachträgliche
Absegnung inoffizieller Überproduktion hinauslaufen. Experten gehen
davon aus, dass die Kapazität der Opec zurzeit bei maximal 29 Mio.
Fass täglich liegt.
So ist offensichtlich: Die Opec-Staaten haben ihre Förder-Kapazitäten
schon jetzt weitgehend ausgeschöpft. Einzig Saudi Arabien könnte
innerhalb kurzer Zeit seinen Ausstoß nennenswert erhöhen. Von
derzeit 7,6 Mio. Barrel pro Tag auf maximal 10,5 Mio. Ein weiteres Indiz für
den Machtverlust der Opec-Staaten ist die Tatsache, dass sie inzwischen
nur etwa 40 Prozent der globalen Erdölmenge fördern. Die Märkte
lassen sich nicht beruhigen, wenn die Opec eine höhere Quote in
Aussicht stellt.
Wesentlich mehr lassen sie sich von den jüngsten Terroranschlägen in
Saudi Arabien verunsichern. Dass Sabotage auf Pipelines den Nerv des
Westens noch viel stärker trifft als ein Selbstmordanschlag auf einem
Bahnhof, hat sich vom Irak bis nach Saudi Arabien herumgesprochen. Die
Risiken wachsen, vor allem für Ausländer, die in Saudi Arabien für
Ölfirmen arbeiten. Das kann Firmen wie Saudi Aramco regelrecht lähmen.
Von den 54 000 Mitarbeitern stammen 2300 aus Nordamerika und 1100 aus
Europa. Ihr Abzug aus den technischen Etagen könnte einen Einbruch
der Produktion im größten Opec-Staat Saudi Arabien provozieren.
Die Terrorgefahr zeigt auch Wirkung bei Investoren. Zwar gibt es in den
Staaten auf der arabischen Halbinsel die weltweit größten
Ölreserven. Aber in die Erschließung neuer Felder wurde in der
jüngeren Vergangenheit weniger investiert.
Die Beiruter Konferenz setzt den komplexen Problemen nur die Psychologie
entgegen, in dem sie die Förderquote anhebt. Zwar sagte Konferenzpräsidenten
Purnamo Yusgiantoro, Ölminister aus Indonesien, vor der Konferenz:
"Die Opec wird alles tun, was sie für nützlich hält, um den
Markt zu beruhigen." Aber er wird wissen, dass diesem Vorhaben auch
die Uneinigkeit der Organisation entgegensteht.
Dabei ist es so, dass die Volkswirtschaften der OECD 2004 offensichtlich
genauso verwundbar sind, wie in den 70er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts. Denn die OECD sichert 58 Prozent ihres Ölverbrauchs aus
Importen und das Verlangen nach Öl nimmt zu. Die Internationale
Energie Agentur (IEA) korrigierte den weltweiten täglichen Ölverbrauch
von 80,3 auf 81 Mio. Fass nach oben.
Hinzu kommt die politische Unsicherheit. Das Problemknäuel aus
Irak-Krise, Terrorgefahr, Engpässen in der Raffinierung und starker
Nachfrage aus China scheint kaum entwirrbar. Um wirklich etwas zu
erreichen, müsste die Opec endlich zwei Fragen ernsthaft diskutieren: Die
Freigabe der Quoten der Mitglieder des Kartells und ein neues Preisband,
innerhalb dessen Grenzen der Preis schwanken soll.
Über beide Fragen herrscht aber unter den Opec Ministern große
Uneinigkeit. So fürchtet unter anderem Indonesien eine Überschwemmung
des Markts mit Öl und einen Preiseinbruch, wie zuletzt 1999. Und das
so genannte Preisband, das im März 2000 geschaffen wurde, um
Fluktuationen auf eine Skala von 22 bis 28 US-Dollar pro Fass
einzuspielen, hat in Wirklichkeit nie funktioniert. Denn über seine
Handhabung waren sich die Mitglieder genauso uneins. Sollte der Spielraum
nur nach oben gewährt werden, wie dies Venezuela wünscht, dann wären
Preisschwankungen keineswegs vom Tisch, sondern würden nur weiter
verzerrt.
Dass die Opec in ihrer Preispolitik heftig an Glaubwürdigkeit eingebüßt
hat, beschreibt eine Studie von Experten des MEES-Instituts und von John
Gault SA Energy Project. Demnach lässt sich - anders als die Opec
gebetsmühlenartig behauptet - nicht alles in der Preisspirale auf externe
Faktoren reduzieren. Die Autoren der Studie sprechen von fehlender
Transparenz. Zudem herrsche in der Opec keine Quotendisziplin. Dessen sind
sich zwar alle bewusst, doch keiner tut etwas dagegen. Und drittens
kritisiert die Studie, dass die Opec ihre Berechungen auf unsicheren
Marktindikatoren basiere. Dass die Opec rasch handeln müsse, um nicht
weiter an Glaubwürdigkeit zu verlieren, ist Tenor der Studie.
Ob man sich bereits in Beirut auf einen Neuanfang einigt, ist also stark
zu bezweifeln. Zwar gibt es Druck auf die Opec und der Ölminister des
wichtigsten Opec-Staates Saudi-Arabien gilt als Befürworter einer
berechenbaren Preispolitik. Das gilt aber nicht für alle Opec-Länder.
Viele sehen oft nur die kurzfristigen Vorteile eines hohen Ölpreises,
den üppigen Zufluss von Petrodollar. Der "wirklich deutliche
Eindruck" auf die Preise, den Opec-Präsident Yusigiantore
versprach, wird ausbleiben. Artikel erschienen am 3. Juni 2004 来自世界报 |