Das machtlose Kartell

     Die Opec kann die Märkte zwar kurzfristig beruhigen, den Öl-Preisanstieg aber nicht aufhalten

   von Hans Evert, Karin Kneissl

   Wien -  Die Märkte beruhigen, den Ölpreis dämpfen, der Hysterie begegnen: Schon vor der heute beginnenden Konferenz der Erdöl exportierenden Staaten (Opec) in Beirut müht sich das Kartell um Entwarnung. Die Fördermenge dürfte um etwa zwei Mio. Barrel pro Tag ausgeweitet werden. Ali Al-Naimi, Ölminister des wichtigsten Opec-Landes Saudi Arabien, kündigt seit Wochen an, dass sein Land die Förderquoten anheben will. Auf diesen Kurs dürften auch seine neun Kollegen einschwenken. Aber der Ölpreisanstieg wird sich dadurch nur kurzfristig bremsen lassen.

   Das Ölkartell hat ohnehin kaum noch Möglichkeiten, den Preis nachhaltig zu senken. Saudi Arabiens Ölminister räumte ein, dass die meisten bestimmenden Faktoren nicht unter Kontrolle der Opec lägen. Tatsächlich liegt die Ölförderung der zehn Opec-Staaten schon jetzt bei 25,5 Mio. Fass pro Tag. Eine Anhebung der Förderquote um bis zu zwei Mio. Fass pro Tag würde daher wohl nur auf eine nachträgliche Absegnung inoffizieller Überproduktion hinauslaufen. Experten gehen davon aus, dass die Kapazität der Opec zurzeit bei maximal 29 Mio. Fass täglich liegt.

    So ist offensichtlich: Die Opec-Staaten haben ihre Förder-Kapazitäten schon jetzt weitgehend ausgeschöpft. Einzig Saudi Arabien könnte innerhalb kurzer Zeit seinen Ausstoß nennenswert erhöhen. Von derzeit 7,6 Mio. Barrel pro Tag auf maximal 10,5 Mio. Ein weiteres Indiz für den Machtverlust der Opec-Staaten ist die Tatsache, dass sie inzwischen nur etwa 40 Prozent der globalen Erdölmenge fördern. Die Märkte lassen sich nicht beruhigen, wenn die Opec eine höhere Quote in Aussicht stellt.

    Wesentlich mehr lassen sie sich von den jüngsten Terroranschlägen in Saudi Arabien verunsichern. Dass Sabotage auf Pipelines den Nerv des Westens noch viel stärker trifft als ein Selbstmordanschlag auf einem Bahnhof, hat sich vom Irak bis nach Saudi Arabien herumgesprochen. Die Risiken wachsen, vor allem für Ausländer, die in Saudi Arabien für Ölfirmen arbeiten. Das kann Firmen wie Saudi Aramco regelrecht lähmen. Von den 54 000 Mitarbeitern stammen 2300 aus Nordamerika und 1100 aus Europa. Ihr Abzug aus den technischen Etagen könnte einen Einbruch der Produktion im größten Opec-Staat Saudi Arabien provozieren.

    Die Terrorgefahr zeigt auch Wirkung bei Investoren. Zwar gibt es in den Staaten auf der arabischen Halbinsel die weltweit größten Ölreserven. Aber in die Erschließung neuer Felder wurde in der jüngeren Vergangenheit weniger investiert.

    Die Beiruter Konferenz setzt den komplexen Problemen nur die Psychologie entgegen, in dem sie die Förderquote anhebt. Zwar sagte Konferenzpräsidenten Purnamo Yusgiantoro, Ölminister aus Indonesien, vor der Konferenz: "Die Opec wird alles tun, was sie für nützlich hält, um den Markt zu beruhigen." Aber er wird wissen, dass diesem Vorhaben auch die Uneinigkeit der Organisation entgegensteht.

    Dabei ist es so, dass die Volkswirtschaften der OECD 2004 offensichtlich genauso verwundbar sind, wie in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Denn die OECD sichert 58 Prozent ihres Ölverbrauchs aus Importen und das Verlangen nach Öl nimmt zu. Die Internationale Energie Agentur (IEA) korrigierte den weltweiten täglichen Ölverbrauch von 80,3 auf 81 Mio. Fass nach oben.

    Hinzu kommt die politische Unsicherheit. Das Problemknäuel aus Irak-Krise, Terrorgefahr, Engpässen in der Raffinierung und starker Nachfrage aus China scheint kaum entwirrbar. Um wirklich etwas zu erreichen, müsste die Opec endlich zwei Fragen ernsthaft diskutieren: Die Freigabe der Quoten der Mitglieder des Kartells und ein neues Preisband, innerhalb dessen Grenzen der Preis schwanken soll.

    Über beide Fragen herrscht aber unter den Opec Ministern große Uneinigkeit. So fürchtet unter anderem Indonesien eine Überschwemmung des Markts mit Öl und einen Preiseinbruch, wie zuletzt 1999. Und das so genannte Preisband, das im März 2000 geschaffen wurde, um Fluktuationen auf eine Skala von 22 bis 28 US-Dollar pro Fass einzuspielen, hat in Wirklichkeit nie funktioniert. Denn über seine Handhabung waren sich die Mitglieder genauso uneins. Sollte der Spielraum nur nach oben gewährt werden, wie dies Venezuela wünscht, dann wären Preisschwankungen keineswegs vom Tisch, sondern würden nur weiter verzerrt.

    Dass die Opec in ihrer Preispolitik heftig an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat, beschreibt eine Studie von Experten des MEES-Instituts und von John Gault SA Energy Project. Demnach lässt sich - anders als die Opec gebetsmühlenartig behauptet - nicht alles in der Preisspirale auf externe Faktoren reduzieren. Die Autoren der Studie sprechen von fehlender Transparenz. Zudem herrsche in der Opec keine Quotendisziplin. Dessen sind sich zwar alle bewusst, doch keiner tut etwas dagegen. Und drittens kritisiert die Studie, dass die Opec ihre Berechungen auf unsicheren Marktindikatoren basiere. Dass die Opec rasch handeln müsse, um nicht weiter an Glaubwürdigkeit zu verlieren, ist Tenor der Studie.

    Ob man sich bereits in Beirut auf einen Neuanfang einigt, ist also stark zu bezweifeln. Zwar gibt es Druck auf die Opec und der Ölminister des wichtigsten Opec-Staates Saudi-Arabien gilt als Befürworter einer berechenbaren Preispolitik. Das gilt aber nicht für alle Opec-Länder. Viele sehen oft nur die kurzfristigen Vorteile eines hohen Ölpreises, den üppigen Zufluss von Petrodollar. Der "wirklich deutliche Eindruck" auf die Preise, den Opec-Präsident Yusigiantore versprach, wird ausbleiben.

    Artikel erschienen am 3. Juni 2004    来自世界报