| ||||
Vor dem
Hintergrund einer neuen Energiedebatte k¨¹ndigt die CSU eine weitere
Nutzung der Kernenergie nach einem Regierungswechsel an. Und auch die
Atomwirtschaft stellt sich intern zumindest auf längere Laufzeiten
der deutschen AKW ein
Kindermund tut Wahrheit kund? Als die
"Abendnachrichten" des TV-Kinderkanals am Dienstag ¨¹ber Ölpreisschock
und die Erneuerbare-Energien-Konferenz in Bonn berichten, werden akkurat
Vor- und Nachteile der verschiedenen Energieträger abgewogen: Kohle
und Öl - "billig, aber umweltschädlich", Wind, Wasser,
Sonne - "sauber, aber teuer". Nur eine Energieform wird erst gar
nicht erwähnt, auch wenn ein Drittel aller Fernseher ohne sie in
Deutschland nicht laufen w¨¹rde: die Atomkraft.
Atomkraft, wie bitte? War da was? Seitdem die rot-gr¨¹ne Bundesregierung
mit der Kraftwerkswirtschaft den Ausstieg besiegelt hatte, schien das
Kapitel geschlossen: wirtschaftlich uninteressant wegen der inzwischen
liberalisierten EU-Strommärkte; politisch undankbar, weil wenig
öffentliche Zustimmung versprechend. Doch die drastische und womöglich
dauerhafte Verteuerung des Rohöls könnte eine neue
Energiedebatte heraufbeschwören - und die CSU will sie anfachen: Auf
einen Regierungswechsel soll prompt der Ausstieg aus dem Ausstieg folgen.
Der CSU geht es vor allem um "die Sicherung einer ausreichenden,
ökonomisch und ökologisch verträglichen Versorgung der
Menschheit mit Energie". Diese Versorgung, so heißt es in dem
"Gesamtkonzept Bayern zur Energiepolitik", lasse sich ohne
Kernenergie nicht sicherstellen. Daher wollen Ministerpräsident
Edmund Stoiber und seine Mannen raus aus dem Atomausstieg und den heutigen
Energiemix aus Kohle, Atom und erneuerbaren Energien beibehalten. In dem
spielt Atomenergie eine größere Rolle als bekannt: 60 Prozent
der Grundlastversorgung kommt aus Kernkraftwerken. Erst wenn die mit
fossilen Energieträgern gedeckten Verbrauchsspitzen hinzugerechnet
werden, beträgt der Atomanteil nur noch 30 Prozent.
Zur Not will Bayern sogar neue Atomanlagen bauen: Die Staatsregierung
setze sich f¨¹r die weitere Atomenergienutzung "in bestehenden und
gegebenenfalls notwendigen neuen Anlagen ein, bis realistisch
gleichwertige Alternativen entwickelt und verf¨¹gbar sind". Es gebe
zwar noch keinen Bedarf f¨¹r neue Kernkraftwerke, aber die "Möglichkeit
des Ersatzes bestehender und bei Bedarf auch Errichtung neuer
Kernkraft-Anlagen nach energiewirtschaftlichen Kriterien und unter
Einhaltung höchster Sicherheitsstandards" m¨¹sse es wieder
geben.
Die Gr¨¹nde liegen f¨¹r die Bayern auf der Hand: Strom ist in Deutschland
zu teuer. Und wenn es beim Atomausstieg bleibe, m¨¹sse die zur¨¹ckgehende
Kernenergieproduktion aus fossilen Quellen ersetzt werden. Das w¨¹rde die
deutsche Kohlendioxid-Bilanz verhageln, die Klimaschutzziele könnten
nicht eingehalten werden. Dass Windräder, Solaranlagen und Biomasse
Atomstrom ersetzen können, glaubt man in Bayern nicht.
Arbeitsplatzverlagerung, schwaches Wirtschaftswachstum und Belastung der
Verbraucher sind die wirtschaftlichen Grundlagen f¨¹r die Forderung nach
einer neuerlichen Energiewende. Öko-Stromsteuer und umlagefinanzierte
Energiefördergesetze belasten Wirtschaft und Verbraucher mit jährlich
zwölf Milliarden Euro. Folge: Die nach der Liberalisierung der Märkte
eingetretenen Strompreissenkungen wurden wieder aufgezehrt. Normale
Tarifkunden zahlen f¨¹r Strom wieder so viel wie vor der Liberalisierung.
Und die deutschen Industriestrompreise sind wieder die zweithöchsten
in Europa.
"In einem labilen wirtschaftlichen Umfeld treffen steigende
Energiepreise die Wirtschaft ins Mark", sagt Bayerns
Wirtschaftsminister Otto Wiesheu. Die Wettbewerbsfähigkeit vieler
Betriebe werde gefährdet. Die staatlich verursachte Belastung bei den
Energiekosten sei von 1998 bis heute von 2,2 Milliarden Euro auf 12,6
Milliarden angestiegen, so Stoiber.
Auch in der Unionsfraktion wird der Ausstieg kritisiert: "Es ist ein
Unsinn, wenn wir aus bestehenden Kernkraftwerken aussteigen, die fast CO2-neutral
Strom produzieren", sagt der Reaktorexperte der CSU, Albert Deß.
Er werde oft von B¨¹rgern angesprochen, warum Deutschland aus der
Atomenergie aussteige und rundherum neue Kernkraftwerke gebaut w¨¹rden.
Der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Klaus Lippold will
ebenfalls weg vom Ausstieg und die Laufzeit der bestehenden Anlagen verlängern.
Mit der Laufzeitverlängerung m¨¹ssten keine neuen Standorte
ausgewiesen werden und es könne kosteng¨¹nstig Strom bereitgestellt
werden. In 20 Jahren, so ist Lippold ¨¹berzeugt, werde man zu einer
Neubewertung der Kernenergie kommen, etwa wie in Finnland. Dort wird
gerade eine neue Atomanlage errichtet.
Die FDP behandelt das Thema Wiedereinstieg eher neutral und steht dem Bau
neuer Anlagen reserviert gegen¨¹ber. FDP-Energieexpertin Birgit Homburger
sagt, ihre Partei sei nicht bereit, "eine Frage politisch zu
beantworten, die sich wirtschaftlich nicht stellt". Vor einer solchen
Grundsatz-Entscheidung m¨¹sse zunächst "die
Energieversorgungswirtschaft klar akzentuieren, was sie will", so
Homburger. Doch davon sei die Branche, die den Atomausstieg mit
unterschrieben hat, weit entfernt. "Mir ist derzeit keine einzige
Firma bekannt, die einen Antrag auf Neubau eines Kernkraftwerkes
stellt", sagte Homburger der WELT.
Die FDP-Dame liegt mit ihrer Einschätzung richtig. "Zurzeit kein
Thema", heißt es unisono aus den Vorstandetagen von Eon, RWE,
Energie Baden-W¨¹rttemberg und Vattenfall-Europe zur Frage neuer
Kernkraftwerke: "Wir stehen zur Ausstiegs-Vereinbarung mit der
Bundesregierung." Hinter vorgehaltener Hand lassen Manager aus den
AKW-Konzernen durchscheinen, dass sie Neubau-Entscheidungen auf kurze oder
mittlere Sicht f¨¹r "eher unwahrscheinlich" halten. "Man
kann so eine langfristige Investitionsentscheidung nicht von politischen
Wechselfällen abhängig machen", sagt einer. Zu viele Fragen
seien ungeklärt: Endlager, Versicherungsschutz, Schutz vor Terror und
die Entwicklung der Strompreise. Dagegen gewährleiste die
Ausstiegsvereinbarung einen störungsfreien Betrieb bis weit in die
20-er Jahre hinein.
Doch auch, wenn Neubauten wohl nicht anstehen: Eine Debatte ¨¹ber die Verlängerung
der Laufzeiten f¨¹r die bestehenden Kernkraftwerke hält die Branche f¨¹r
unausweichlich. Im Ausstiegsgesetz wird den Atomkraftwerken eine
"Regellaufzeit" von 32 Jahren zugebilligt. Zu wenig, heißt
es etwa beim Deutschen Atomforum, dem Lobbyb¨¹ro der deutschen
Nuklearwirtschaft in Berlin: "Die steigende Abhängigkeit von
Energiequellen aus dem außereuropäischen Ausland birgt schwer
zu kalkulierende Risiken: So werden bis zu 50 Prozent des
Weltenergiebedarfs von Exportländern gedeckt, die innenpolitisch
instabil sind." Vor diesem Hintergrund sei darauf hingewiesen,
"dass die Kernenergie eine sichere, stabile und von externen unabhängige
Energiequelle darstellt", wirbt das Atomforum. Und Walter
Hohlefelder, Eon-Energie-Vorstand, f¨¹gt hinzu: "Der politisch
gewollte und gesetzlich geregelte Ausstieg aus der Kernenergie f¨¹hrt
dazu, dass bis 2020 rund 20 000 Megawatt Kernkraftwerkskapazität
wegfallen und kompensiert werden m¨¹ssen. Auch wenn die Politik dazu
neigt, das Thema als erledigt anzusehen: Es bleibt so lange auf dem Tisch,
wie die Folgeprobleme mit Blick auf Ersatzkapazitäten und Klimaschutz
nicht befriedigend beantwortet sind. Und das ist bislang nicht
erkennbar."
http://www.welt.de |