Der Export von Produktion und Jobs hat gerade erst begonnen

      Studie: Verlagerung beschleunigt sich rasant

    Berlin -  In Deutschland hat die Erosion von Jobs und Produktion gerade erst begonnen. Deutsche Unternehmen haben bisher nur einen Bruchteil ihrer Produktion in Länder mit niedrigen Kosten verlagert. Das hat eine Studie des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group (BCG) ergeben, die der WELT vorliegt. Nur etwa sechs Prozent des Industrieverbrauchs in Höhe von 1,5 Billionen Euro kamen demnach 2002 aus so genannten Niedrigkostenländern.

    Das so genannte Offshoring wird also in den nächsten Jahren noch zunehmen. Ein politisches Reizthema ist schon jetzt. Erst j¨¹ngst hatte Siemen-Chef Heinrich von Pierer heftige Diskussionen ausgelöst, als er erwogen hatte, mehrere tausend Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Aus der BCG-Studie geht hervor, dass die Importe aus Niedriglohnländern im zweistelligen Bereich zulegen: zwischen 1997 und 2002 im Jahresdurchschnitt um zwölf Prozent.

    Der größte Lieferant "billiger" Industrieimporte ist China. Von dort bezogen deutsche Hersteller 2002 Waren und Dienstleistungen im Wert von 21 Mrd. Euro. Tschechien (16 Mrd. Euro) ist der wichtigste Lieferant der deutschen Industrie aus Osteuropa, gefolgt von Polen (14 Mrd.).

    Vor allem Asien, das geht aus der Studie hervor, wird weiter an Bedeutung gewinnen. Derzeit kostet dort eine Arbeitsstunde etwa einen Dollar, in Deutschland sind es umgerechnet 25 bis 30. "Die BCG-Analysen zeigen, dass das Lohngefälle f¨¹r Asien mit hoher Wahrscheinlichkeit bestehen bleibt", heißt es in der Studie. Die Verlockung angesichts der niedrigen Lohnkosten sei in der Tat groß. Deutsche Unternehmen sparten zwischen 40 und 60 Prozent an Kosten, wenn sie abwanderten.

    Trotzdem warnt die BCG vor ¨¹berhasteter Aktivität: "Denn die Risiken des Scheiterns bei ¨¹berst¨¹rzten oder halbherzigen Engagements sind beträchtlich", sagt BCG-Geschäftsf¨¹hrer Udo Jung. Im Startjahr m¨¹ssten etwa Firmen zwischen zehn und 40 Prozent des Umsatzes f¨¹r das neue Produkt aufwenden, um eine funktionierende Produktionsstätte aufzubauen. Grundsätzlich, so die BCG-Studie, eignen sich vor allem Produkte mit hohem Wachstumsaussichten und hoher Arbeitsintensität f¨¹r das Offshoring sowie außerdem Produkte, die in dem Land selbst guten Verkaufschancen haben und Erzeugnisse, die in standardisierten Produktionsabläufen hergestellt werden.

    Derzeit sind es vor allem Elektronikfirmen, die mit hoher Dynamik ihre Produktion verlagern. Automobilhersteller seien noch auf einem niedrigen Ausgangsniveau. Aber auch dort schreite der Prozess schnell voran. Die Produzenten von Konsumg¨¹tern, beispielsweise Bekleidung und Möbel, sind schon längst abgewandert. Laut BCG gibt es in dieser Branche kaum Potenzial f¨¹r weiteres Offshoring.

    Deutsche Unternehmen könnten sich dem Trend zur Verlagerung kaum entziehen. "Ungeachtet der Risiken ist globale Wertschöpfung nicht länger nur eine Option, sondern ein Imperativ", meint BCG-Geschäftsf¨¹hrer Jung.  hev

    http://www.welt.de/data/2004/06/09/288781.html