|
NATO verstärkt Präsenz in Afghanistan |
|
In rund
einem Monat wählen die Afghanen einen Präsidenten. Für
Sicherheit bei der historischen Wahl sollen zusätzliche NATO-Soldaten
sorgen. Doch Experten sind skeptisch.
Wenn die
mehr als zehn Millionen wahlberechtigten Afghanen am 9. Oktober ihre
Stimme abgeben, dann werden sie von insgesamt bis zu 10.000 NATO-Soldaten
beschützt. "Das NATO-Kontigent in Afghanistan wird bis zur Wahl
deutlich aufgestockt", kündigt NATO-Pressesprecherin Simone de Manso
an. Tatsächlich handelt es sich fast um eine Verdopplung des
Truppen-Kontingents in Afghanistan, denn derzeit sind rund 5000 bis 6000
Soldaten im Land stationiert. Mit der Aufstockung erfüllt die NATO
eine Zusage, die sie dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai nach
langem internen Tauziehen auf ihrem Gipfel im Juni in Istanbul
gegeben hatte. Die zusätzlichen
Truppen bestehen aus je einem italienischen und spanischen Bataillon sowie
einem amerikanischen Reserve-Bataillon, das außerhalb des Landes in
Bereitschaft ist", ergänzt de Manso. Die Truppenverlegung läuft
derzeit an und soll rechtzeitig vor der Wahl abgeschlossen werden. Nach
NATO-Planung sind die zusätzlichen Soldaten nicht als dauerhafte Ergänzung
der Militärpräsenz in Afghanistan gedacht. "Die Truppen
sind zur Sicherung der Wahl vorgesehen, sie werden aber so lange im Land
bleiben, wie es der Kommandeur vor Ort für nötig hält",
betont de Manso. Falsche
Prioritäten Ich halte
die ganze Geschichte für eine mittelgroße Farce", sagt dagegen
Albert Stahel, Professor für Strategische Studien an der Militärakademie
der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, mit Blick
auf die bevorstehende Wahl. Seiner Auffassung nach setzt die
internationale Gemeinschaft in Afghanistan falsche Prioritäten und
sich selbst damit unter unnötigen Zeitdruck. "Die Wahl kommt um
Lichtjahre zu früh, denn Afghanistan ist überhaupt nicht reif für die
Demokratie", sagt Stahel. "Statt der Wahl sollte man sich lieber
auf den Wiederaufbau des Landes, zum Beispiel auf Wasserversorgung, Straßenbau
und so weiter konzentrieren". Eine Wahl könne man - wenn der drängendere
Wiederaufbau abgeschlossen sei - in einigen Jahren abhalten. Ohnehin
warnt der Experte vor zu hohen Erwartungen an die Wahl. "Es wird natürlich
keine Wahl nach westlich-demokratischem Standard sein." Um
sicherzustellen, dass die Wahlen im ganzen Land unabhängig und frei
sind, müsste man viel mehr als 10.000 Soldaten im Land haben. "Wenn
man aber dafür sorgen will, dass die Wahlen einigermaßen geordnet
ablaufen, dann kann man das mit 10.000 Soldaten machen", ergänzt
Stahel. Anschläge
wahrscheinlich Trotz stärkerer
Militärpräsenz rechnet der Afghanistan-Experte mit Anschlägen
im Vorfeld der Wahl ähnlich wie im Irak - besonders in Gebieten, in
denen die Taliban noch stark sind. Dies werde jedoch vom Großteil
der Bevölkerung abgelehnt. "Die Afghanen kennen seit 1978 nur
Krieg, sie sind kriegsmüde, die haben die Nase voll von Anschlägen."
Von den Taliban gehe inzwischen keine Gefahr mehr für die Regierung aus,
da sie inzwischen militärisch deutlich schwächer seien als die
Warlords der ehemaligen Nordallianz. Eine
erneute Verschiebung der Wahl ist Stahel zufolge aus politischen Gründen
unwahrscheinlich: "Wenn man den Wahltermin noch mal verschiebt, würden
die UNO, die NATO und die USA das Gesicht verlieren und die Afghanen würden
das auch nicht mehr mitmachen." Michael Knigge |